Interview Dr. Hannes Androsch

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Interview mit Dr. Hannes Androsch
4. Juni 2013, Wien

Wie definieren Sie Erfolg im Leben?

Vordergründig ist Erfolg, wenn man ein Ziel erreicht, das man sich gesetzt hat. Wie ein Fußballer der Tore schießt oder der Tormann der Tore des Gegners verhindert. Philosophisch ist es etwas komplexer zu beantworten. Erfolg könnte sein, soweit es möglich ist, ein selbstbestimmtes, ein erfüllendes Leben zu führen. Damit und davon einiges unmittelbar als Saat an andere weiterzugeben.


Was waren Ihre größten Erfolge?

Der Lebensweg als solches. Glück ist kein Erfolg. Dass alle gesund sind, dass unsere Generation zum Unterschied zu den vorangegangen, eigen und selbstbestimmt ihren Weg gegangen ist (nachdem man auch den Krieg kennengelernt hat). In Frieden, Freiheit, Stabilität und zunehmendem Wohlstand und Lebensqualität den eigenen Weg beschreiten. Daraus leitet sich eine Verantwortung / Verpflichtung ab, zu helfen, beizutragen, dass es auch den nachkommenden Generationen möglich ist, solche Wege zu beschreiten.


Selbstbestimmtes Leben - was ist erforderlich, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen?

Das Individuum ist nicht völlig frei, da wir in einem Umfeld leben, dass unterschiedlichen Einflüssen und Wechselwirkungen ausgesetzt ist und Abhängigkeiten bestehen. Unabhängigkeit ist auch eine philosophische, psychologische Frage. Gibt es einen freien Willen? Also mit dem Verständnis diverser Einschränkungen, mit allen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Rückschlägen ist die Gesundheit eine unabdingbare Voraussetzung. Einen Weg zu beschreiten,mit dem man im Rückspiegel betrachtet, zufrieden sein kann.


Liegt auch in der Zufriedenheit das Glück?

Glück ist eine Definitionsfrage, es sind Augenblicke. Das Wienerlied sagt: „ Das Glück ist ein Vogerl“. Zufriedenheit ist balancierter Seelenzustand / Gemütszustand.


Wie haben sich Ihre Erfolge auf andere Menschen ausgewirkt?

Mein Erfolg gibt anderen Menschen Halt, zeigt Perspektiven auf, und vermittelt Orientierung. Da oder dort eine Vorbildwirkung ausstrahlt. Dies sind mehrschichtige Sphären, z.B. Charisma zu haben als Voraussetzung für Überzeugungen zu vermitteln, zu motivieren. Im Sinne dessen was Jack Welch gesagt hat: „to energize people“. Das ist etwas, was jeder Dirigent und erfolgreicher Fußballtrainer oder Manager, vor allem auch jeder Lehrer können muss.


Woher schöpfen Sie Charisma und die erforderliche Kraft?

Charisma bedeutet übersetzt „Gnade“.
Das hat man, es kommt aus den Genen, aus dem Umfeld und bedarf einer bestimmten Intelligenz, das zu verstehen und zu nutzen. Es bedarf dafür auctoritas, also Authenzität.


Hat das auch was mit Selbstdisziplin zu tun?

Ein Mindestmaß an Selbstdisziplin ist im wesentlichen Sinne eine hygienische Aufgabe und Verantwortung. Nicht im Sinne der Körperhygiene, sondern dass man einen geregelten Ablauf und Strukturen hat. Ein Mindestmaß an Pünktlichkeit einhält und dass bestimmte gesellschaftliche Grundprinzipien verstanden sind. Z.B. Grußformeln sowie Bitteschön und Dankeschön. Höflichkeit gehört zur Selbstdisziplin.


Hatten Sie in Ihren jungen Jahren einen Mentor oder ein Vorbild?

Mentoren hatte ich viele, auch väterliche Freunde, aber Vorbilder hatte ich keine. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch ein Unikat und eine eigene Persönlichkeit ist. Dabei entwickelt sich jeder Mensch individuell  und gestaltet seinen eigenen Lebensweg. Jeder Mensch beschreitet in seinem eigenen Umfeld seinen weg.
Mentoren waren für mich keine nachzuahmenden Vorbilder, sondern große Hilfe und Unterstützung für die eigene Persönlichkeitsbildung.


Hatten Sie Ratgeber?

Ja die hat es auch gegeben. Die besten waren die, die so klug waren, zu akzeptieren, mit ihrer Erfahrung dem Ratsuchenden die Entscheidung und Verantwortung zu überlassen. Das war für mich immer sehr wertvoll, Ratschläge und Hinweise zu bekommen. Entweder um schon im entstehende Meinungen zu bestärken - noch wichtiger meine Aufmerksamkeit zu verstärken um Hinweise zu bekommen, was zu ändern, verbessern und nachzuschärfen ist.


Woher wussten Sie als junger Mensch, was Sie später einmal arbeiten werden?

Das wusste ich nicht.
Da die Zukunft nicht vorsehbar ist und das Leben ein Risiko und ungewiss ist, hatte mein Lebensweg ganz andere Stationen als ich mir vorgestellt hatte. Die Ungewissheit ist nicht kalkulierbar, auch nicht mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Ich habe weder geplant, in die Politik zu gehen, noch Chef der Creditanstalt zu werden. In keiner Sandkiste habe ich mir erträumt, Finanzminister oder Vizekanzler oder Industrieller zu werden. Es waren Möglichkeiten, Opportunitäten und Chancen, die ich mit Interesse und Engagement wahrgenommen und genutzt habe.


Wenn Sie ein Ziel hatten, wie gelang es Ihnen, dieses Ziel zu erreichen?

Zuerst muss man sich ein Ziel setzen. Ein Ziel zu setzen, setzt eine Perspektive, eine Vision voraus. Vision ist weder eine Krankheit noch Horizontbeschränkung, auch wenn das manche Leute meinen. Es braucht ein Konzept, den Willen – die Entschlossenheit – Kühnheit - Mut dieses Konzept umsetzen zu wollen.
Einerseits braucht es Zähigkeit, Beharrlichkeit,Entschlossenheit, Gelassenheit und Geduld. Nicht nur Politik bedeutet, um das bekannte Bild des Soziologen  Max Weber aufzugreifen, starkes, stetiges Bohren von harten Brettern. Ebenso gilt, wie es in einem sprichwörtlich gewordenen Zitat von Lao-tse heißt „Wer ein Ziel hat, findet auch den Weg“. Das ist nicht nur in der Politik so, sondern betrifft das ganze Leben.


Was waren Ihre Motivatoren und inneren Antreiber,Ziele einerseits geduldig und hartnäckig zu verfolgen?

Der Wille - nachdem Motto: „Aufgeben tut man nur Briefe“


Wie sind Sie mit Zweifeln umgegangen?

Der Philosoph Rene Descartes sagte „cogito ergo sum“ (ich denke, also bin) Ich halte es so: „dubito ergo sum“ (zweifeln folglich bin ich) immer alles in Frage stellen. Nichts ist wirklich sicher, denn unsere Wahrnehmung ist von den Sinnen her eine unvollständige, täuschende und daher irrtümliche Wahrnehmung. Es gibt keine Verifizierung eher eine Falsifizierung.


Ihrer Biographie entnehme ich, dass Sie viele richtige Entscheidungen in Ihrem Leben getroffen haben. Verraten Sie mir Ihre Methode wie Sie „richtig“ entscheiden?

Ich habe auch falsche Entscheidungen getroffen, dies weiß man allerdings oft erst hinterher. Der äußeren Wahrnehmung nach bin ich ein entscheidungsfreudiger Mensch. Man darf Entscheiden nicht mit Entschlossenheit verwechseln. Manche Entscheidungen sind sofort zu treffen, so wie Helmut Schmidt als Senator von Hamburg handelte, als 1962 ein Hochwasser die Stadt bedrohte. Manche Entscheidungen sind gut zu überlegen und auch der günstige Augenblick spielt eine Rolle. Im griechischen Sinne „Kairos“ - auf den günstigen Zeitpunkt / Augenblick einer Entscheidung warten. Wenn man etwas abgewogen hat, die Für und Wider, die Wenn und Aber und meint in aller Unvollkommenheit die jeder Entscheidung innewohnt. Auch wegen der Ungewissheit der Zukunft. Dann braucht man die Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und Geduld, es durchzuziehen.


Wie sind Sie mit Fehlentscheidungen umgegangen?

Sofern eine Korrektur möglich ist, muss dies erfolgen, dies erfordert auch eine Korrektur bei sich selbst. Korrektur der Grundsätze auf deren Basis die Entscheidung getroffen wurde. Fehlentscheidungen entstehen wenn das betreffende Umfeld nicht umfänglich betrachtet wurde. Sofern das Umfeld einschätzbar ist, höhere Gewalt und Naturkatastrophen sind nicht vorhersehbar. Keynes meinte. „Wenn sich die Umstände ändern, ändere ich meine Meinung. Was machen Sie, Sir?“


Was waren die gravierendsten Krisen in Ihrem Leben und wie sind Sie damit umgegangen?

Hauptsächlich waren es zwischenmenschliche Quälereien, da sind wir bei der Unvollkommenheit der Welt. Und der Unvollkommenheit von menschlichen Beziehungen.  Es macht keinen Sinn, sich über unbeeinflussbare Umstände zu beschweren.


Haben Sie die Menschen in diesem Fall einfach so angenommen wie sie sind und sich nicht geärgert?

Wenn es hier eine Weisheit gibt, Probleme kann man lösen – Umstände sind schwierig und zeitbeanspruchend. Wenn man ein Problem nicht lösen kann, ist es auch kein Problem, dann ist es eine Kondition, mit der man lernen muss zu leben. Nicht, dass es angenehm ist, aber es ist die einzige Möglichkeit nicht wahnsinnig zu werden, oder depressiv.


Welche Erfahrungen im Umgang mit Krisen möchten Sie den (jungen) Menschen weitergeben?

Krise ist ein Ausnahmezustand den man überwinden kann. Das Wort wird sehr inflationär verwendet. Entweder können wir Problem lösen und dann soll man sie auch lösen. Wenn nicht, müssen wir lernen mit dem Zustand zu leben. Als Beispiel die Erderwärmung die es immer wieder gegeben hat, wenn wir diese eindämmen können, sollen wir es tun. Aber es wäre ganz schlau, sich darauf einzustellen, dass diese eintrifft oder dies auch schon begonnen hat (siehe Gletscherschwund Mitte des 19 Jhdt.,der schon vor der CO2 Belastung begonnen hat). Es wäre weise sich darauf einzustellen,- ob an den Küsten von Bangladesch oder auf den Malediven –dass der Meeresspiegel steigen wird.
Was veränderbar ist, ist ein Problem, das es zu lösen gilt.
Was nicht veränderbar ist, ist eine Kondition, mit der wir leben müssen.


In welchen Lebensabschnitten bzw. Phasen haben Sie am meisten gelernt?

Das Leben ist ein ständiger Lernprozess bis es biologisch beendet ist. Dies verstehe ich nicht nur praktisch sondern auch philosophisch mit lebenslangem Lernen. Man lernt nie aus - bis zur Urne oder man unter der Erde liegt.


Wie ist Ihr persönlicher Umgang mit der Situation, dass sich Technologien (insbesondere die Informationstechnologie), Märkte und äußere Umstände in einer steigenden Beschleunigung verändern?

Wir erleben sicherlich eine Beschleunigung der Technologieentwicklung. Vor allem müssen wir lernen zu lernen. Dazu gehört das Verständnis des lebenslangen Lernens angesichts der permanent kleiner werdenden Halbwertszeit von Wissen und Qualifikation.


Zum Privatleben - wie wichtig sind Familie und Freundschaften für Sie?

Freunde erkennt man möglicherweise erst dann, wenn es einem schlecht geht. Von richtigen Freunden kann man nur wenige haben, weil man Freundschaft aus Kapazitätsgründen nur begrenzt erwidern kann. Persönliche Bindungen im familiären weitesten Sinne geben Halt und Unterstützung. Das zählt erst in schwierigen Zeiten, da in guten Zeiten meist ohnehin alles paletti scheint. Diese Beziehungen sind von unschätzbarer Bedeutung.


Welche Bedeutung hat der Glaube für Sie bzw. was ist Ihre Definition von Glauben?

Der Glaube ist die Annahme von etwas was ich nicht weiß oder erklären kann.
Oder andersrum ein emotionales Bauchgefühl. Kann wenn man glaubt sehr hilfreich sein. Da begeben wir uns in den Bereich der Religionen und ihrer Begründungen angesichts der vielen Ungewissheiten und Unerklärbarkeiten. Man soll unterscheiden zwischen Vertrauen ins Leben, Glauben und Glaubwürdigkeit. Es ist aber ein wesentlicher Unterschied wem man vertraut und glaubt.

Denn die Kirche hat den Glauben der Gläubigen eingebüßt, die Politik die Glaubwürdigkeit der Bürger und die Banken das Vertrauen der Menschen.
Das ist kein guter Zustand.


Mein Eindruck ist der, dass sie an sich selbst glauben und sich selbst vertrauen.

Dies ist mir sogar als Arroganz vorgeworfen worden. Beim Selbstvertrauen halte ich es wie Adenauer. Der mit seiner Stimme 1949zum Kanzler gewählt wurde und auf die Frage: „Wer kann nur so etwas tun?“ antwortet Adenauer: „Wenn nicht ich an mich glaube, wie sollen denn die anderen an mich glauben?“
Hier müssen wir die Beziehung zum „dubito ergo sum“ herstellen.
Weil Selbstvertrauen ist notwendig und verbunden mit der ständigen Korrektur des Zweifelns, des Überprüfens.

Das sich selbst „zutrauen“ erfordert Wagnis- bzw. Risikobereitschaft. Dies bedeutet auch das Abwägen der Zweifel.  Wagnis und Wägen ist derselbe Wortstamm. Der Zweifel liegt im wägen…


Sie selbst haben Promoviert im Fach Wirtschaftswissenschaften, wie war Ihr weiterer Bildungsweg bzw. persönlicher Umgang mit Bildung?

Die Promotion ist kein Bildungsereignis, nachdem Prüfungen geleistet und Arbeiten abgegeben wurden. Dies sehe ich nicht als Bildung. Man muss unterscheiden zwischen Kognitivbildung und Herzensbildung sowie sozialer Kompetenz. Herzensbildung ist eher ein komplexeres Unterfangen. Das Leben ist eine Schule, wenn man bereit ist zu lernen und die Fähigkeit erworben hat zu lernen.

Bildung setzt Interesse, Wachsamkeit und Neugierde voraus:das Wunder des Lebens,unserer Existenz, der Welt,des Universums.



Haben Sie sich persönlich damit auseinandergesetzt?

Diese Themen und den Fragen wer, was oder wie viel bin ich, beschäftigen mich seit dem 16. Lebensjahr und ich tausche mich darüber gerne mit gebildeten-wissensgebildeten und herzensgebildeten -Menschen aus. Ich sehe dies als lebenslange Aufgabe, die mich mir selbst näher bringt.


Wie oder was verstehen Sie unter Herzensbildung in der Führung von Mitarbeitern?

Wie man Menschen wahrnimmt, wertschätzt, anerkennt - dies ist eine Wechselwirkung. Wie ich einem Menschen begegne ist auch vom Gegenüber abhängig.Schlussendlich ist die Frage der Menschführung auch eine Frage der Überzeugungen. Es gibt die Überzeugung der Gewehrläufe und es gibt die Überzeugungskraft des Arguments. Dazwischen liegt die Bandbreite unseres gesellschaftlichen Lebens.

Man benötigt einen ethisch-moralischen Radarschirm, einfach die Fähigkeit zu unterscheiden, was gut und was schlecht ist. Das ist eine uralte Weisheit „Behandle andere so wie du behandelt werden willst“ oder „handle so, dass dein Handeln zum Allgemeinen Grundsatz werden kann.“ Solche Forderungen finden sich bei Kant, Konfuzius, Buddha, in der Bergpredigt und vielen weiteren Schriften.Es geht nicht um die Originität, wichtig ist der Inhalt.


Haben Sie selbst nach diesem Credo gelebt?

Sicherlich nicht immer, was ich auch bedaure. Wenn man eine Wertearchitektur hataus Ethik und Moral, heißt das noch nicht, dass man seinen eigenen wertgewählten Ansprüchen immer gerecht wird. Dies kann einenoftmals lange quälen.Manchmal ist es auch so, dass es einem selbst gar nicht bewusst ist, dass man andereneine Kränkung zugefügt hat.Nobody is perfekt.


Wo sehen Sie den Zusammenhang von Werten und Selbstwert?

Dies ist eine Frage der eigenen Wertestruktur.
Der Wert eines Menschen lässt sich nicht ermessen. Selbstwert leitet sich aus einer Wertestruktur ab, einem Verständnis für Verantwortung, Verlässlichkeit und Verpflichtung.


Gibt es aus diesen Werten einen Zusammenhang zur Authentizität?

Authentizität hat was mit Überzeugung und Überzeugungsfähigkeit zu tun. Authentizität hat nichts mit Autorität zu tun!


Welche Empfehlungen gibt es Ihrerseits an nachfolgende Generationen?

Die müssen selbst Ihren Lebensweg beschreiten und gestalten, es gibt keine Beipackzettel für’s Leben.

 




"Hinweis im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung, wie z.B. Teilnehmer/Innen, verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter."